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pxrouge FESTIVAL REVIEWS I 63. FESTIVAL DE CANNES I VON DIETER WIECZOREK I 2010

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Cannes energetisch : Aufbrüche/Ausbrüche

 

 

 

 

VON DIETER WIECZOREK

63. Festival de Cannes

Festival de Cannes

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Nach einer Vielzahl Atemnot schaffender Filme, die die Logik geschlossener Systeme und auswegloser Situationen zementieren, ist es schlicht erfrischend, Werke zu sehen, die Freiheit, Aufbruch und Vitalitat in jeder Einstellung spürbar machen. Lily ist eine junge Frau, die gerade ihre Mutter verlor, zweifellos geliebt und bewundert, doch auch eine permanente Kastratin ihrer phantastischen Ausflüge und unzähmbaren Lebenslust. Verlustschmerz und ein kaum verheimlichtes Gefühl der Befreiung führen bereits während der Beerdigungszeremonie zu irritierenden Szenen im Familienkreis. Lily zieht sich mit den Torten auf das Grab ihrer Mutter zurück, da sie die hypokritische Grabgesellschaft nicht erträgt.

Lily lebt jeden Lebensmoment kompromißlos. Hochluzid spricht sie aus, was Tabus gemeinhin untersagen. Ohne Scheu mischt sie sich in die Leben ihrer Nächsten ein und schafft dort permanente Verstörung und Unbehagen bei all denen, die sie an ihr ungelebtes Leben erinnern. Gegen jegliches Rollenspiel rebellierend empören ihre Aktionen. Lily stopft gerne Tiere aus, sammelt folglich eifrig Tierkadaver, und hat einen kunstvollen Strick an dem Ort ihrer kleinen Hütte hängen, wo sich ihr Vater einst erhängte. Das Grab ihrer Mutter verwandelt sie – wie ihre ganze Umgebung – in ein Kunstwerk, auch dies freilich nicht gern gesehen in einer bürgerlichen Friedhofsgesellschaft. Ihre Energetik macht sie in jeder Sekunde unberechenbar. Mit sexueller Offenherzigkeit hat sie keine Probleme. Sie sucht Lust und nicht Liebe, Spaß und nicht Sicherheit. Als eine Gruppe wild erscheinender Männer auf dem abgelegenen Grundstück auftaucht, wo sie mit ihrer Schwester allein haust, scheint eine Katastrophe unausweichlich. Doch Lilys überschwellendes Spiel und unwiderstehliche Lebensfreude transformiert selbst diese Verhärmten in relaxte Freunde. Lily ist Künstlerin ersten Grades. Sie transformiert das Leben selbst um sie herum. Ihre Schwester, gefangen in einer Vernunftehe, wird ihr endlich Recht geben und aufbrechen in ein anderes Leben.

Die wilde anarchische Energie Pieds nus sur les limaces (»Barfuß über Schnecken«) der Französin Fabienne Berthaud, die bereits 2006 durch ihre Charakterstudie des Models Frankie auf sich aufmerksam machte, findet nicht leicht ihr Äquivalent. Lukas Moodyssons Zusammen! (2000), die Idioten (1998) Lars von Triers und die unvergeßliche Befreiungsszene am väterlichen Tisch in Thomas Vinterbergs Das Fest (1998) ließen sich noch am ehesten nennen. Doch die durchgehende Transparenz Lilys, ebenso zerbrechlich wie unwiderstehlich, macht sie eher Dostejewskis »Idioten« vergleichbar, jedoch hochangereichert mit Bataillscher Libido. Berthauds jederzeit in Details eintauchende und den Bewegungen nachgleitende Kameraführung vermag Lilys Wahrnehmung kongenial einzufangen, immer ganz nah bei den vibrierenden Dingen, aufmerksam ihr Eigenleben erkundend und ausschöpfend.

Dies ist der Unterschied zu Filmen, die eine Jugend zeigen, die nur noch das eigene Wohlbefinden und kleine zu konsumierende Lüste im Auge haben. In Des filles en noir (»Junge Frauen in Schwarz«) konturiert der Franzose Jean-Paul Civeyrac zwei junge Frauen, die von ihrer Umgebung nur noch angewidert sind. Als die Frustrierten dann ausgerechnet noch auf das Werk Heinrich von Kleist stoßen, der sie in ihrem unerfüllbaren »Absolutheitsanspruch« bestätigt, schließt sich der fatale Kreis. Kleists geteilter Selbstmord wird ihnen zum letzten noch zu erfüllenden Projekt. Civeyrac evoziert die stickige Atmosphäre umgreifender Lustlosigkeit aus der Sicht zweier Borderline-Jugendlichen. Sein in der »Quinzaine des réalisateurs« Sektion laufender Film, die man bekanntlich integral im Pariser Forum des Images schon wenige Tage nach Beendigung des Cannes Festival unter unvergleichlich angenehmeren Umständen nachsehen kann, ließe sich problemlos in Beziehung setzen zu The myth of the american sleepover David Robert Michells aus der diesjährigen »Semaine de la Critique« Werkschau. Michell bringt eine verunsicherte Jugend ins Bild, die ihre Zeit nahezu ausschließlich mit Verführungs- und Eheanbahnungsgeklüngel verbringt, in einer artifiziellen Lebenswelt dahinduselnd, gänzlich desinteressiert am planetaren Leben außerhalb ihres Kleinstadthorizontes. Nimmt man Michells und Civeyacs Konstatierungen des Stands der Dinge ernst, bleibt nur das triste Fazit: je größer die weltpolitische Machtposition einer Gesellschaft, umso durchgreifender die narzisstische Ignoranz ihrer jungen Generation. Oder schaffen Michell und Civeyac Filme, die auf die Publikumsgunst derjenigen Jugendlichen (oder von einer solchen Jugendlichkeit Überzeugten) spekulieren, wie sie der Film porträtiert, folglich Werke mit kalkuliertem Widererkennungseffekt für Gleiche unter Gleichen.

Es wäre schon ein Luxus gewesen, auch nur eine Matratze zu haben, um nicht auf dem harten kongolesischen Boden schlafen zu müssen. Jahre später jubeln Tausende diesen Männern bei ihren Konzerttourneen zu. Und der französische Dokumentarfilm von Renaud Barrets und Florent de la Tullaye bringt sie schließlich auch nach Cannes, wo sie sich übrigens nicht besonders wohl fühlten, obwohl alles sauber ist. Das Dokumentarteam begleitete über Jahre hinweg eine beinbehinderte Gruppe von Männern, die durch ihre Musik auf der Straße überlebten. Der Weg zur ersten Studioaufnahme ist mühselig, doch die Filmemacher taten daß ihre, um die Gruppe wieder zusammenzuführen, nachdem ihr letztes Refugium, ein Asyl in Kinshasa, abbrannte. Ihnen gelingt das beeindruckende Porträt einer vor allem lebensfrohen Gesellschaft, die ihre Helden, behindert oder nicht, enthusiastisch zu feiern gewohnt ist, wie etwa über mit großem Elan über den Boden rutschende Hand-Fußballer, die sich ein großes Match liefern. Die Plakette »Gott ist der einzige Schutz dieses Wagens« hängt sichtbar in ihrem ersten Fahrzeug.

Die Filmemacher zeichnen ein detailreiches Spektrum der in Armut lebenden Kongolesen, die selbst den Schattenseiten ihrer Existenz mit ungebrochenem Lebenswillen begegnen, von sich unter überfüllte Züge klammernde Schwarzfahrer bis zu Jugendlichen, die sich ihre Instrumente aus Blechdosen und anderem Abfall basteln. Einer unter ihnen wird im Laufe des Filmes Weltkarriere machen. Schlicht drollig sind die Szenen der Ankunft dieser ihre Heimat Liebenden in Europa, wo ihre Lebensgewohnheiten schnell Anlaß zu Verhaftungen liefern könnten. Humor, schelmisches Treiben und tiefe Humanität charakterisieren diese Gruppe, nur eine unter vielen vergleichbaren, doch eine, die ihre Chance energisch wahrnahm, die ihnen die permanente Präsenz des Filmteams verschaffte, und die im franzosischen Kulturzentrum Kinshasas ihre erste konkrete Gestalt vor der großen Tournee annahm. Der Film Benda Bilili fängt faszinierend eine den tristesten Umständen trotzende Lebensfreunde ein, die sich auf den Konzertbühnen nur bestätigt, wo eine unübersehbare Zuschauerzahl mitgerissen wurde von diesen Musikern, die schon mal aus ihren Fahrstühlen gleiten und ihre Körper im Tanz durch die Lust wirbeln, auch gewiß ein wunderbarer und ganz anderer Beitrag zum Thema Behinderung, der Mitleid gar nicht erst aufkommen läßt, im Gegenteil, es sind die verharschten Europäer, die als die eigentlich Behinderten erscheinen rouge

 

 

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FESTIVAL DE CANNES

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12 - 23 / 05 / 2010

Festival de Cannes

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