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pxrouge FESTIVAL REVIEWS I 63. FESTIVAL DE CANNES I VON DIETER WIECZOREK I 2010

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Geschlossenes System: überzeugend und artifiziell

Bemerkenswertes in Cannes Nebenreihe "Un Certain Regard"

 

 

 

VON DIETER WIECZOREK

63. Festival de Cannes

Festival de Cannes

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Wenn ein Film kaum des Dialogs bedarf, wenn das Dekor die eigentliche »Nachricht« ist, wenn das Innenleben der Protagonisten langsam ausgelotet wird durch die Räume, durch die sie sich bewegen, dann hat man einen Film einer sich langsam verlierenden Kunst vor sich, die an Bresson und Antonioni erinnernd, wo das Schweigen selbst zu »kommunizieren« beginnt.

Pal Adrien von der jungen ungarischen Regisseurin Ágnes Kocsis ist ein solches Werk. Piroska ist eine junge Frau mit Übergewicht, die, wo immer sie die Gelegenheit hat, schweigsam frißt. Ihre ausgeglühte Ehe und ihre Arbeit in der terminalen Station eines Krankenhauses, wo sie täglich Abgestorbene in den Kühlraum schiebt, sind die beiden Eckdaten ihre Existenz. Wie eine Marionette bewegt sie sich durch ihr eigenes Leben, verbringt Nächte vor Dutzenden Monitoren, die die fragilen Herztöne der Todkranken akustisch und visuell aufzeichnen. Ein ästhetisches Ereignis ganz besonderer Art. Piroska hat sich seit langem in sich zurückgezogen. Ihr rundliches Gesicht ist bis auf den manchmal aufschimmernden Ausdruck einer naiven Verstörtheit nahezu erstarrt. Dann plötzlich ein Aufbruch. Sie will ihre einzige Jugendfreundin wieder finden, vielleicht die einzige wichtige Person in ihrem Leben. Ihre Suche gleicht einem Kreuzzug durch das Panoptikum diverser Gesellschaftsschichten und geschlossener Lebenswelten. Ihre eigenen Erinnerungen werden immer wieder in diesen Begegnungen in Frage gestellt, boykottiert, zerstört. Selbst ihre Freundin war eine andere, als sie glaubte: eine Fremde. Kocsis läßt den Blick des Zuschauers auf der einsamen Protagonistin ruhen, die zuweilen zu später die »Norma« oder ein Requiem hört. Einmal tanzt sie mit Kindern, vielleicht der einzige Moment einer möglichen Leichtigkeit des Seins. Dann wieder Krankenhausmonitore. Kocsis schafft ein dichtes Bild des Unbehagens in der Kultur und im eigenen Körpern, an der Grenze der nicht abbrechenden Serie von Todesfällen. Ein stilles Meisterwerk.

Wie schon in seinem ersten Film I killed my Mother ist Hysterie auch Grundton in seinem Nachfolgewerk Les Amours imaginaires (Die eingebildeten Lieben). Hier kämpft ein seit langem befreundetes Paar – doch jeder für sich – um die Liebe und Zuwendung eines narzisstischen Schönlings, der träumerisch und von seinen Eltern verhätschelt durch die Szenerien gleitet. Nicht nur der leer an Souveränität agierende Dauerurlauber ist als Objekt der Begierde kaum nachvollziehbar, sondern auch die linkisch schwülstige Verehrung der Begehrenden, die oft vor der Wunschmaterie sich in schweigsame Kaninchen transformieren, gebannt in ihr (ungeteiltes) Leiden und Träumen. Auch Dolans kanadischer Film rekonstruiert einen geschlossenen Kosmos, jedoch einen ungleich artifizielleren als der von der Todesproblematik vereiste Kosmos Koscics. Dolans pubertärer Kreislauf des selbstinszenierten gekränkten Narzissmus charakterisiert ebenso den Begehrten wie die Begehrenden. Auch hier scheint kein Entrinnen möglich. In der letzten Szene werden die beiden geschundenen Liebhaber wieder wie ein Magnet zur nächsten Degradierung angezogen. Aber warum ihnen zu folgen sei war schon ab der ersten Minute unverständlich.

Octubre ist auf der anderen Seite des Planeten angesiedelt. Unbehagen und Einsamkeit jedoch sind auch im Film der Peruaner Daniel und Diego Venas die modellierten Grundtöne. Clemente lebt von Leihgeschäften. Er hat sich eingerichtet in seiner öden, isolierten Existenz. Als er ein Neugeborenes auf der Straße findet, wendet er den Blick nicht ab. Sofort wittert hier seine beziehungsfreudige Nachbarin ihre Chance in sein Leben einzudringen, was ihr auch gelingt und schon bald zu einer Reihe tragikomischer Situationen führt, die den Mann immer mehr aus seinem vormaligen Leben vertreiben. Die Unbeholfenheit der Verarmten, ihre kleinen Überlebenstricks und linkischen Rachestrategien sind die eigentlichen Thema Octubres. Die Vegas offerieren einen klaustrophobischen Kosmos, der keine wirklichen Glückserfahrungen erlaubt, sondern bestenfalls ein Überleben in Würde. Die dunkel gehaltene, bräunlichgrüne Farbtonskala verstärkt den Treibhauseffekt noch. Wie auch Pal Adrien kann man Octubre eine kathartische Effizienz zugestehen. Der Zuschauer ist nach Filmschluß schlicht erfreut ins Sonnenlicht Cannes zurückzukehren. Wo aber sind die großen Filme zu Rebellion und Aufbruch? Die, die Türen selbst öffnen?rouge

 

 

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FESTIVAL DE CANNES

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12 - 23 / 05 / 2010

Festival de Cannes

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