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pxrouge FESTIVAL REVIEWS I ROTTERDAM FILM FESTIVAL 2019 I Der Dokumentarfilm im Rotterdamer IFFR 2019 I VON DIETER WIECZOREK I 2019

Die Vitalitšt des Weltkinos jenseits der Kommerzes

Das Internationale Film Festival Rotterdam 2019 offeriert erneut ein erstaunliches Panorama

 

 

von DIETER WIECZOREK

"What You Gonna Do When the World's on Fire", Minervini

The Cleaners

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Das Rotterdamer Film Festival ist nicht nur ein Zentrum der Entdeckung und Förderung junger Talente, die hier vornehmlich in den Wettbewerbsprogrammen ihre Erst- oder Zweitfilme präsentieren, oder unter guten Vorzeichen Produktionshilfen für ihre nächsten Projekte finden können, sondern darüber hinaus eines der wenigen Festivals, das in seinen Seitenprogrammen ein anspruchsvolles und konsequent appliziertes kultur- und filmtheoretisches Reflektionspotenzial anbietet.

Die thematische Fokus-Sektionen bieten Programme orientiert an medientheoretischen oder filmhistorischen Proposition. Neben einer Fülle von Meetings mit den Filmemachern, organisiert das Festival Masterclasses, theoretische Lectures, Portraits und selektive Retrospektiven, sowie Multimedia-Installationen und Konzerte.

Hervorzuheben in diesem Jahr ist eine Programmschau betitelt "Laboratory of Unseen Beauty", die sich zur Aufgabe setzte, nicht applizierte Sequenzen von Filmen, die als Footage endeten, zu revalorisieren. Dies macht gleich doppelten Sinn: einerseits geschah der Verwerfen von Materialien keineswegs immer freiwillig, sondern war oft Konsequenz eines politischen oder kommerziellen Drucks auf den Produktionsprozess des Filmes. Andererseits erlaubt der Blick auf ausgeschieden "Ungesehenes", soweit er freiwillig geschah, eine tiefer gehende Einsicht in den kreativen Prozess selbst, eine präzise Sicht auf Konfiguration, Spezifität und das Konzept eines filmischen Werkes bzw. Oeuvres. In Zusammenhang des "Ungesehenen" standen auch Filmkulturen im Focus, deren gesamtes film-kulturelles Erbe bedroht ist, um hier nur wenige Beispiele zu nennen: die Filmarchive in Armenien, Azeri, Georgien und Afphganistan (zu Letzterem siehe: "The forbidden Reel", von Ariel Nasr (2019): https://www.moderntimes.review/the-tragic-destiny-of-afghan-cinema).

Ein weite Programmfokus galt der afrikanischen Kultur im brasilianischen Film, dritter Teil der Wiederentdeckung und Valorisierung der afrikanischen Filmkultur in Rotterdam. Ein weiteres Thema eine weit gefächerte "Phänomenologie der "Spionage", wie sie sich in der Filmgeschichte repräsentiert. Last not least bot die Sektion "Say no more", eine Filmschau, die sich als Resistenz gegen den Informations- und Kommunikationsdruck unserer Zivilisation versteht, als ein Wille zum Einhalt, als eine Einladung zur Meditation, zur Stille, auch zur Empathie mit den Dingen selbst, jenseits ihrer Verwertung und Kontextualisierung.

Atomic Soldiers

"Realms, Patrick Söderlund

 

Eines der vielen hier aufgenommenen Beispiele ist Patrik Söderlunds Film "Realms". Seine Kamera lässt sich viel Zeit von einer brandverwüsteten Hügellandschaft in benachbarte Waldbestände zu gleiten, hin zu einem alleinstehenden Haus. Sorgsam werden die Objekte eines verschwundenen Lebens fixiert, beschriebene Papiere, Tinte, Karten, Bücher, Briefe. In den leer stehenden Räume haben Insekten, Vögel und andere Tiere eingenistet. Erst gegen Ende des Filmes gleitet die Kamera zu einem menschlichen Kadaver auf einem Bett liegend, offensichtlich der des ehemaligen Hausbewohners, der hier seit Jahrzehnten ruhte und sich mit der Zeit transformierte. Eingebettet in ihn findet sich nun ein Vogelnest. Der Zyklus der Natur, zwischen ambitioniertem Leben und Einkehr in den überindividuellen Naturrhythmus, ist selten so kondensiert und kommentarlos gezeigt wurden.Sicherlich haben es Kurzfilme immer noch leichter, den an Konsumquantitäten interessierten Fabrikationsstrategien der Produktion zu entraten.

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Geringere Produktionskosten garantieren eine befreiende Reduzierung der Kompromisse, die die Wiedereinspielung der Investitionskosten verlangen, mit anderen Worten, sie erleichtern ein nicht auf quantitativen Erfolg, sondern kulturellem Anspruch ausgerichtetes Werk.

Im internationales Kurzfilmwettbewerb "Ammodo Tiger Short" bestach Mike Hoolbooms "27 thoughts about my Father", eine einerseits intime, anderseits geradezu phänomenologisch systematische Wiedererinnerung an das Verhältnis mit seinem Vater. Die hier kristallisierten 27 erinnerten Schlüsselszenen sind subtile Intensitätsmomente, die meist um eine Frage oder Provokation kreisen und über das eigene Private weit heraus gehen. Sie stellen ein Material zur Analyse des zentralen Mechanismus der Genese unsere Kultur und der Kreation unserer "Individualität" dar: die konfliktreiche Beziehung zum eigenen Vater, unumgängliche Figur der Macht und Überlegenheit zunächst, von der sich zu distanzieren oder gar zu "befreien" fast niemals schmerzlos gelingt. Die hier entstehenden Wunden sind Schlüsselstellen der Kreation des - verwundeten - eigenen Selbst.

 

International Film Festival Rotterdam

"27 thoughts about my Father", Mike Hoolbooms

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Atomic Soldiers

"Above us Only Sky", Arthur Kleinjan

 

In der "Bright Future" Sektion, eine international Schau junger Talente, möchten wir wiederum in der Kurzfilmsektion unteranderen "Above us Only Sky" von Arthur Kleinjan (Niederlande, Thechische Republik) hervorheben. Das Werk ist vor allem eine Metareflektion üben den Prozess der Filmentstehung selbst. Veranlasst durch einen Zufall ist der Filmemacher gezwungen, einige Tage an einem nicht vorgesehen Ort zu verbringen. Dort wird er auf Fakten und Phänomene aufmerksam. Dieses Inititiationserlebnis verselbständigt sich zu weiteren Fragestellungen und Forschungen, die ihn in räumlich und zeitlich immer weiter entfernte Zusammenhänge führen. Irgendwann konfirmiert Kleinjan das Faktum, sich nicht mehr von einem Skript, sondern von den Ereignissen selbst leiten zu lassen, ohne vorhersehen zu können, wohin ihn diese Reise führen wird. Zu seiner eigenen Überraschung beobachtet er unglaubliche Koinzidenzen zwischen den Protagonisten der von ihm rekonstruierten Geschichten, so dass sich ein konsistenter Sinn sozusagen nachträglich einstellt.

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Der Film lanciert die Hoffnung auf eine Realität, die nicht nur Produkt einer Aneinanderreihung von Zufälle ist, sondern sich einbettet in bestehende, langsam sich aufschlüsselnde Zusammenhänge jenseits des Jetzt-und-Hier Events. Kleinjan schafft einen philosophischen Film per se, der appelliert, sich einzulassen auf das Vor-Augen-Liegende, um die Metastrukturen unserer Existenz auf die Spur zu kommen. Es konfiguriert die Schönheit des Making-Sense und bietet sie als Erfahrung an.

Enigmatische Films, die kaum auf eine Message oder Information zu reduzieren sind, finden sich gleichfalls in Rotterdams Selektionen. Als Beispiel sei nur "Meteorite" (Meteorit) von Mauricio Sáenz (Mexiko) genannt, ein Werk, das für Aussenstehende nicht zu entziffernde Rituale in einer abgelegenen Berglandschaft Mexikos aufzeichnen. Die "Bird Men" (Vogelmenschen) zelebrieren in ihren eigenwilligen Trachten spezifische Handlungen, die den Zuschauer konfrontieren mit der Schönheit und Faszination des Aktes der Sinngebung. In der mexikanischen Kraterlandschaft vollziehen sich diese magischen Handlungen in scheinbar vollkommender Abgeschiedenheit. Alltägliches Leben kommt nicht ins Bild. Religion und esoterische Kunst finden hier einen erneuten Einklang.

 

International Film Festival Rotterdam

"Meteorite", Maurizio Saenz

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Rotterdam bietet noch eine Reihe weiterer Kurzfilmsektionen, eine unter ihnen schlicht "Voices Short" betitelt. Erstaunliche Filme finden sich auch hier, wie etwa Bea de Visser "The Animal That Therefore I Am" (Niederlande). De Visser versucht nichts weniger als mit ihrer Kamera den Blick und die Existenzweise der Tiere nachzuvollziehen, sowie in ihrer Umgebung im Allgemeinen, als auch in Hinsicht auf ihre menschlichen Nachbarn im Besonderen. Konsequenz verfolgt die Kamera in oft sehr eingeschränkten, minimalen Blickwinkeln die hoch detaillierte

Rabot

"The Animal That Therefore I Am", Bea de Visser

 

Realitätserfassung zu reproduzieren, die nicht an Konzepten oder Bedeutungen orientiert ist, sondern bestimmt ist von unmittelbaren (über-) Lebensimpulsen. Gleichzeitig stellt sich die Protagonistin im Off die Frage, wie dieser Blick der Tiere auf sie wohl beschaffen ist, und wie sie sich in ihn assimilieren kann. Das "Tier-Werden" was bereits ein wichtiger Fragekomplex im Werk des französischen Philosophen Gilles Deleuzes. Die produktive Animalität und deren transformative Kräfte in Hinsicht auf ein anthropologisches Selbstverständnis galten ihm u.a. als eine Möglichkeit, ein schlichtes Identitätskonzept zu überschreiten, welches unsere westlichen Kulturen nach wie vor determiniert. Das Zusammentreffen zwischen einem Kaninchen, einem Schäferhund und einem Adler auf kleinsten Raum ist ein Erlebnis auch der wilden Klänge, Laute und Bewegungen, in das sich das atonale Spiel einer elektrischen Gitarre "harmonisch" einfügt. Bei de Visier schafft einen faszinierenden Borderline-Film an der fragilen Mensch-Tier-Schwelle, in dem die situative Enge als Intensitätsverstärker wirkt. Sie bringt ein schillerndes, mysteriöses Werk nach Rotterdam.

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"All these Creatures" von Charles Williams (Australien) thematisiert ebenfalls Wildheit, hier jedoch eine, die normalerweise als Wahnsinn oder Depersonalisierung bezeichnet und mithin abqualifiziert wird. Auf der Sicht des Sohnes wird ein Mann porträtiert, der offensichtlich von apokalyptischen Visionen heimgesucht wird ist, die ihn immer mehr in die Isolation und eine aggressive Kommunikationsverweigerung abdriften lassen.

Dieser Mann macht seinem Sohn Angst, doch dieser ist einer der wenigen, die sich nicht einfach mit einer medizinischen Diagnose zufrieden geben. Er will seinen Vater verstehen. Williams komplexer Film degradiert diese Vaterfigur nicht. Er vermeidet es, dessen Handlungen einfach als nur wahnhaft erscheinen zu lassen. Vielmehr gelingt es, ihm, die Ambiguität zwischen Übersensibilität, paranormalen Wissen und Autodestruktion in einer erstaunlichen Schwebe zu halten. Gleichzeitig wird die innere Problematik seines ihn beobachtendes Sohnes in allen Schattierungen zwischen Entfremdung und Annäherung thematisch. Der Vater stirbt schliesslich einen "angemessenen Tod", verursacht durch eine grenzenlose Empathie mit einem Hund, der von ihm unwillentlich verletzt wurde. Auch dieses Ende wirft alle Fragen nur noch einmal auf, ohne abschliessende Erklärungen zu liefern. Daher ist "All these Creatures" letztlich ein Werk, das die Würde des Andersseins verteidigt, gegen den normativen Blick einer medizinisch dominierten Zivilisation.

 

International Film Festival Rotterdam

"All these Creatures", Charles Williams

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Rabot

"What You Gonna Do When the World's on Fire", Roberto Minervini

 

Unter den Langfilmen und als Beispiel des engagierten politischen Films, der selbstredend auch in Rotterdam seinen Ort hat, sei "What You Gonna Do When the World's on Fire" von Roberto Minervini (Italien, USA) hervorgehoben. Die unverändert bestehende Zweiklassengesellschaft in den USA ist die politische-soziale Basis für das schutzloses Dasein der schwarzen Bevölkerung besonders in ländlichen Regionen. Situiert in Baton Rouge, Lousiana, zeigt Minervini eine farbige Bevölkerung ausgesetzt einerseits interner Gewalt, andererseits bedroht von massiven Verletzung der Menschen- und Freiheitsrechte durch die Staatspolizei. Am Ende seines Films sieht man einen dieser Polizeiaktionen gegen farbige Demonstrierende. Minervini analysiert die Problemlage in ihrer ganzen Komplexität, angefangen bei den über Jahrhunderte hinweg internalisierten Minderwertigkeitskomplex, die Farbige immer noch aus eigenen Willen den Bürgersteig wechseln lassen, da sie den vorurteilslastigen Blick der Weissen antizipieren, der sie zu potenziellen Kriminellen degradiert.

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Das systematische Ausstreuen von Waffen und Drogen war ein wirksames Mittel zur Unterdrückung der Farbigen. Hierdurch wurden sie in interne Krieg verwickelt und ihr politisches Selbstbewusstsein unterminiert. Umfassende Schutzlosigkeit, sowie auf der Strasse, wo selbst Mehrfachmorde und Enthauptungen nicht wirklich strafrechtlich verfolgt werden, als auch in den eigenen vier Wänden, wo vor allem (sehr) junge Frauen immer noch ungestraft regelmässig zu Opfern von Misshandlungen und Vergewaltigungen werden, begangen von ihren eigenen drogenanhängigen Vätern und Brüdern. Nicht zu reden von fehlender Erziehung und angemessenen Schutz der Schüler(innen) vor Gewalt auf den Heimwegen. Dies alles hat zur Konsequenz, das es fast unmöglich erscheint, dem Teufelskreis des anhaltendes Sklavendasein zu entkommen. Was zu tun bleib... Minervini zeigt einige starke Persönlichkeiten, selbst Opfer einst massiv erlebter Gewalt, die die Kraft finden, in ihrer Umgebung Selbstrespekt und Disziplin zu leben und zu lehren, vor allem, den Drogenkonsum aufzugeben und selbst Hilfestellungen anzubieten. Doch die meisten unter ihnen, das zeigt Minervinis Werk eindringlich, sind zu verängstigt und bleiben selbst sprachlos, wenn es darum geht, die vor ihrer eigenen Haustür begangenen Morde zu bezeugen, wissend, das sie auch weiterhin der anhaltender Gewalt schutzlos ausgeliefert sein werden. Diese umfassende Angst ist das Hauptproblem der sich neu formierten "New Black Panter Party", die eine Selbstschutzgruppe für die Bevölkerung organisieren will. Doch draussen malt der Ku Klux Klan weiterhin seine "Niger"-Zeichen selbst auf die Haustafel von Elementarschulen. Minevinis Dokumentarfilme gibt vielen Opfern dieses Gewaltszenariums Raum zur Selbstdarstellung, besonders jenen, die alles versuchen, ihren Selbstrespekt und moralische Grundwerte nicht zu verlieren. Er zeigt ein Gewaltpotenzial in den USA, auf dessen Hintergrund ein Präsident Trump nur die Konsequenz, nicht die Ausnahme ist rouge

 

 

 

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48. ROTTERDAM FILM FESTIVAL 2019

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23 / 01 - 03 / 02 / 2019

International Film Festival Rotterdam

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