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pxrouge FESTIVAL REVIEWS I 65. BERLINALE I VON DIETER WIECZOREKI 2015

Die Berlinale 2015

Die Höhepunkte der Wettbewerbsfilme

 

 

 

von Dieter Wieczorek

"El Club" Pablo Larrain

Berlinale

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Die wirkliche Schwachstelle der Berlinale ist der eingeschränkte Internetzugang. Ausländische Journalisten drängen sich in für ein Festival dieser Grössenordnung lächerlich kleinen - nach den Wettbewerbsprogrammen hoffnungslos überfüllten - Raum, um von den installierten Computers gebrauch machen zu können. Den Laptop-Besitzern geht es nur wenig besser, da das Festival am Potsdamer Platz nur zwei Zugangsorte zum Web bietet. Da hocken und liegen die Kollegen dann zuweilen auf dem Boden, um ihre Kommentare abschicken zu können. Der ganze Komplex der Star-Cinemas, der einen Grossteil der Filmprojektionen  beherbergt, ist Offline. Ansonsten jedoch läuft eine 22 Millionen-Maschine wie die Berlinale fast automatisch. Grosse Veränderungen erwartet niemand. Sie scheinen auch nicht notwenig und nicht mehr verkraftbar. Mit der Gründung neuer Sektionen in den letzten Jahren, wie den Talent-Campus, die Projektionen des kulinarischen Kinos und dem « Cinema Expanded » hat das Festival noch einmal sein Spektrum erweitert und überschreitet bei weitem die Aufnahmefähigkeit jedes einzelnen Besuchers. Die Wahl wird zur Qual, Diskussionen und Austausch – bis auf die in den Warteschlangen – zum Luxus.

Der Goldene Bär ging dieses Jahr an den nach wie vor unter Arbeitsverbot stehenden iranischen Filmemacher Jafar Panahi, der den Preis auch nicht selbst entgegen nehmen konnte. Doch die Schwierigkeit, nicht öffentlich arbeiten zu können, transformiert er brillant in die Tugend einer Kunst der Intensität durch Reduktion. Seine Kamera ist während der gesamten Spieldauer in einem Strassenfahrzeug installiert, mit der er als fingierter Taxifahrer Teheran durchquert und die merkwürdigsten Fahrgäste aufnimmt. Einige erkennen ihn, andere sind ihm sehr vertraut, so dass das Gespräch auch politischer werden kann.

Berlinale

"Taxi" Jafar Panahi

 

Doch Charme, Stärke  und Vitalität von "Taxi" liegen in den Überraschungsbegegnungen, in denen die Iraner in diesem fahrenden Privatraum freie Schnauze ihre Sicht auf den Stand der Dinge artikulieren. Sind diese Begegnungen gestellt, sind sie wirklich ganz spontan, nur wenige haben darauf die wahre Antwort. Dem Film, der sich nicht als Dokumentarfilm situiert, tut dies keinen Abbruch. Mittlerweile ist der Fahrzeuginnenraumfilm zum iranischen Markzeichen geworden, gewiss den Umständen geschuldet, die nicht nur Panahi in die Enge treiben. Bleibt zu notieren, dass dieser bereits eine andere Lösung auf das Zensurdilemma praktiziert und  nun Filme in Fernregie per Tele- und Webkommunikation dirigiert. Zum Schweigen bringen lässt sich künstlerische Passion, wie sein im Katalog nachzulesendes Statement resümiert, auf keinen Fall. Auch an einer feinsinnige Pointe am Ende des Filmes mangelt es nicht: die kleine Filmkamera wird in einem unbeaufsichtigten Moment aus dem Fahrzeug gestohlen. Doch auch dies zeichnet selbst mit auf. Und es scheint, dass der Dieb den Film nicht stoppen konnte.

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Unter den ästhetisch wirklich auffälligen und aus der Bahn schlagenden Arbeiten wäre gewiss wieder einmal Peter Greeneway zu nennen. Sein "Eisenstein in Guanajuato" ist ein wirbelnd vibrierendes, exstatisch exzessives Porträt des russischen Filmemachers. Kaum allerdings wird man hier Aufschluss finden über Eisensteins tatsächliches Innenleben, seine Reflexionen und Imaginationen während seiner 1931 realisierten Reise im Rahmen seines Filmes «Que viva México». Viel dagegen erfährt man (wieder einmal) über Greeneways Weltsicht, am Beispiel Eisensteins, die immer schon nur zwei dominante Realitäten ernst nimmt: Tod und Sex. So tritt hier ein sexuell lüsterner, homoerotische Erfahrungen huldigender, teilweise nazistischer, teilweise manischer Sergei Eisenstein vor die Kamera, der durch hochstilisierte Innen- und Aussenräume wandelt, mit gewiss vitaler Brillanz gefilmt von Greeneway, der den Augen stets neue Verlockungen liefert und derart dem begehrlich sexuellen Treiben audiovisuell angemessen begegnet,  aggressive provokante Montagen und Bildvervielfachungen nutzend. Die symbolträchtige, mythendurchtrunkene mexikanische Kultur trägt das ihre dazu bei, dass hier ein opulentes Werk chaotischer Perzeptionslust entstehen konnte.

 

Berlinale

"Eisenstein in Guanajuato" Peter Greneway

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Berlinale

"Sworn Virgin" Laura Bispuris

 

Leisere und feinere Töne schlägt der in Albanien situierte Film "Sworn Virgin" (Vergine Giurata) Laura Bispuris an. Ihr überaus beeindruckender Debütfilm thematisiert das Schicksal zweier lebensfroher Schwestern, die ihrem in der abgelegenen albanischen Berglandschaft unausweichlichen Schicksal entkommen wollen, als Ehefrauen ohne jede Bewegungs- und Handlungsfreiheit zu enden. Hana ist die selbstbewusstere und entschiedenere. Schon früh vertreibt sie sich die Zeit mit eher männlichen Tätigkeiten wie dem Jagen. Ihr Vater, der ihre Konflikte wortlos begreift, eröffnet ihr die einzige Lösung, die in den von strengen Zeremonien bestimmten Lebensraum möglich scheint: sie muss ihrer weiblichen Sexualität für immer entsagen und einen männlichen Namen wie Identität annehmen. Während ihre Schwester mit einem Mann nach Europa flieht, bleibt Hana zehn Jahre, getrennt von ihrem Körper und ihren Gefühlen, noch nach dem Tod ihres Vaters am Ort. Dann reist sie ihrer Schwester nach, die Mutter geworden, offensichtlich sie nicht erwartete, in eine Grosstadt, die sie zwingt, nicht nur eine Überlebenschance zu finden, sonders auch zu ihrem martialisierten Körper eine neue Beziehung zu knüpfen.

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Bispuris Film gibt der Beobachtung und dem Unausgesprochenen weiten Raum. Hier sprechen eher Gesten und Blicke. Ihr Film erlaubt komplexe und ambivalente Beziehungsformen. Sie beobachtet und integriert eher im Unbewussten sich vollziehende Entwicklungen, die Zeit in Anspruch nehmen und sich der Kommunikation entziehen. Sie vermag ebenso die Gewalt und Anmut der herben albanischen Natur wie die Kühle und Sterilität aktueller Grosstätte einzufangen.

Schon seit dem 4. Jahrhundert sind sexuelle Übergriffe in christlich hieratischen Gemeinschaften nachgewiesen, wie wir dem Dokumentarfilm "Mea Maxima Culpa: Silence in the House of God" (2002) Alex Gibneys entnehmen können. Dort ist die Rede auch von der heute bekannten recht hohen Anzahl von Vergewaltigungen aller Art im kirchlichen Kontext.  Nun widmet sich dem Thema auch der fiktive Film. Weniger skandalorientiert, mehr die innere Dramaturgie in Szene setzend, beschreibt der chilenische Film "The Club" (El Club) die Eigendynamik isolierter Gemeinschaften. Mit einer nicht zu verleugnenden kriminalistischer Lust trägt Pablo Larrain Schicht für Schicht der (Selbst-) Lügengespinste in einer kleinen, meist im Dunst liegenden Küstenortschaft ab. Der kritische Blick auf die Priesterschaft dechiffriert vor allem eine Interessensgemeinschaft lieb gewonnener Praxis, die sich hinter Ritualen verbirgt. Dies kann verstörte Opfer aber auch Allianzen von letztlich Gleichgesinnten zur Folge haben. Lahrrains dialogintensiver Film ist ein Investigationsfilm, der den schönen Schein der Oberfläche durchbricht. Die Berlinale krönte ihn mit dem Silberner Bären, der grosse Preis er Jury

 

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"The Club" Pablo Larrain

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Im Wettbewerbsprogamm des Kurzfilms verblüffte vor allem ein deutscher Beitrag. "Symbolic Threats" dokumentiert eine fast unglaubliche Aktion. Am 22. Juli 2014 wurden in einer Nachtaktion auf den beiden Türmen der Brooklyn Bridge die amerikanischen Flaggen gegen weisse Flaggen ausgetauscht, bekanntlich die Farbe der Anerkenntnis, verloren zu haben und aufzugeben. Am nächsten Tag stehen die Vereinigten Staaten Kopf. Die feinsinnige und symbolträchtige Performance, von der sich niemand, einschliesslich FBI und CIA vorstellen kann, wie sie allein technisch möglich gewesen vor einer Fülle von Beobachtungskameras ist, wird in die Dimension der Zerstörung der Twin Towers gerückt. Eine Krisensitzung jagt die andere. Die drei Filmemacher und Künstler Mischa Leinkauf, Lutz Henke und Matthias Wermke haben – wie leicht einsehbar ist – die Staaten baldmöglichst verlassen und behalten ein sphinxhaftes Geheimnis für sich. Ihr Film zeigt die USA am Rande einer kollektiven Hysterie, die nichts zu tun hat mit der Souveränität einer Weltmacht. Gerade der Mangel an krimineller Energie dieser Aktion, die ihren Platz in den Top Charts der Performancekunst findet, provoziert die Sicherheitsspezialisten, die mit ihren Paradigmen hier nicht weiter kommen. Die Filmemacher schaffen ein wunderbares Beispiel, wie eine einzige Aktion den wirklichen mentalen Stand einer Gesellschaft sichtbar machen kann.

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"Kamashi" Singh Bedi

 

Der indische Film "Kamashi" von Satindar Singh Bedi ist eines der wunderbaren Werke, die sich weigern ihr Enigma zu dechiffrieren. In eindringlichen Schwarzweisaufnahmen werden vor allem harte Lebensbedingungen des indischen Landlebens spürbar. Erdfurchen und markante Falten der Gesichter vereinen sich zu optischer Homogenität, in der Natur als Hauptakteur erscheint. Im Hinduismus ist Kamashi die Mutter der Barmherzigkeit. Hier aber ruft eine alte Frau nach einem Leben voller Entbehrungen diese mit der Bitte an, von der Erde verschwinden zu dürfen. Jenseits aller Psychologisierung spricht der Film durch Gesten, die zuweilen von halluzinatorischer Schönheit sind, dann wieder von Schmerz und Leid zeugen. Die Suche nach Wasser ist zugleich die Suche nach einem möglichen Leben. Menschen scheinen zuweilen ununterscheidbar von Gespenstern. Auftauchende Tiere scheinen Botschafter einer anderen Wirklichkeit zu sein. Der Film jongliert mit der Möglichkeit von Symbolen, die klarer Deutung sich stets entziehen.

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In die "Berlinale Spezial" Sektion finden erfolgreiche Werkes neueren Datums Eingang, die ihre Premiere bereits andernorts feierten und daher in Berlin nicht in den Wettbewerb gelangen können. Eines der nachhallenden Werke, die eine profunde Menschlichkeit zum Ausdruck bringen und schon deshalb als Widerstandsfilm gegen die Banalisierung der zur Norm gewordenen Einsamkeit gelten können, ist das isländisch-dänische Werk "Virgin Montains" Dagur Káris (Island).In dessen Zentrum steht Fúsi, eine Figur, die Dostojewskis „Idiot“ in Erinnerung ruft. Fúsi ist ein scheuer, überaus korpulenten, durch und durch gutherzigen Mann, der es allen recht machen will. Er lebt zurückgezogen mit seiner Mutter. Liebeserfahrungen sind Fremdland für ihn. Nur ein Zufall bringt ihn mit einer Frau in Kontakt. Zum ersten Mal beginnt er zu werben, sich auf ihre Spuren zu begeben und wird abgewiesen. Als sie kurz darauf  in eine schwere Depression fällt, kümmert er sich wochenlang liebevoll um sie. Mit Erfolg, sie überwindet ihre Krise nicht nur, sondern will nun mit ihm zusammen leben. Das Unvorstellbare und Unerhoffte scheint plötzlich erreichbar für Fúsi. Doch als er mit seinen Umzugskoffern vor der Tür steht, hat sie es sich anders überlegt...

 

Berlinale

"Virgin Montains" Dagur Karis

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Dagur Kárl beeindruckt durch seine emotional stimmige Darstellung eines ausgesetzten Aussenseiters, der trotz allen denkbaren, zuweilen auch aggressiven Anfeindungen nicht aus der Bahn zu werfen ist. Sein innere Gleichmut und seine ständige Hilfsbereitschaft sind Kräfte, die vulgäre Angreifer schliesslich in Kumpels transformieren können. Doch die grosse Einsamkeit bleibt. Die verschneite, unwirtliche und oft von Stürmen heimgesuchte Atmosphäre Islands ist ein wirksamer Hintergrund, um die Sehnsucht nach einem Schutzraum, nach einem Ort, in dem Mitmenschlichkeit möglich sein könnte, allzeit spürbar zu machen. Die Gestalt des schamhaften und feinsinnigen Fúsis wird meisterhaft verkörpert durch Gunnar Jónsson. Sie wird lange in Erinnerung bleiben rouge

 

 

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65. BERLINALE

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05 - 15 - 02 / 2015, Berlin

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